Bremer Firma entwickelt für Überwachung KI-Alternative zu Palantir
Bremer KI-Entwickler wollen Straßenbahnen sicherer machen
Die Bremer Firma Just Add AI will mit künstlicher Intelligenz Straßenbahnen sicherer machen. Klappt das, könnte das System auch für die Sicherheitsbehörden interessant werden.
Die Bremer KI-Firma Just Add AI sitzt in einem unscheinbaren Gebäude mit großen Fenstern im ehemaligen Bremer Europahafen. Die Büros sind hell, überall stehen Pflanzen herum. Das Herz des Gebäudes ist die Aufenthalts-Lounge. Gerade macht jemand Crepes für alle. Für einen Moment scheint es, als stehe man in einer WG-Küche.
Roland Becker, der Chef des Unternehmens, hat etwas von einem idealistischen Internet-Pionier. KI als Bedrohung? Solche Gedanken kann der 50-jährige Unternehmer nicht nachvollziehen. Für ihn wäre die Welt mit mehr künstlicher Intelligenz eine bessere.
Und eine sicherere. Becker hat mit seinen rund 100 Mitarbeitern die KI AI Watch entwickelt. Ab April soll sie die Bremer Straßenbahnen sicherer machen. Denn das schaffen die Überwachungskameras in Beckers Augen bislang nicht ausreichend.
Wenn dann was passiert ist, kann man quasi posthum Zugang zu diesen Videoaufnahmen beantragen und die Polizei kann sie einsehen und sich zwei Tage später angucken, wie du verprügelt wurdest. Aber schöner wäre es doch, wenn man direkt in dem Moment Hilfe alarmieren könnte.
Roland Becker, CEO Just Add AI
AI Watch wertet Überwachungskameras in Echtzeit aus
Der neuen KI AI Watch soll das gelingen. In Echtzeit kann sie das Material der Überwachungskameras in den Straßenbahnen auswerten. Wenn das System eine Situation erkennt, in der eine Person Hilfe benötigt oder jemand randaliert, schlägt sie in der Leitstelle Alarm. Dort soll sich dann ein Mensch live die Bilder anschauen und entscheiden, ob er zum Beispiel die Polizei alarmiert.
Schon jetzt haben Nahverkehrsunternehmen aus anderen deutschen Städten ihr Interesse angemeldet. Auch die Deutsche Bahn soll an dem Projekt Interesse haben.
Aber Becker und seine Firma Just Add AI haben noch Größeres im Sinn. Wenn die KI die Bremer Straßenbahnen tatsächlich sicherer macht, könnte die KI auch für deutsche und europäische Sicherheitsbehörden interessant werden.
Weil es bisher keine in Europa entwickelte marktfähige KI gibt, die das Material von Überwachungskameras auswerten kann, nutzt die Polizei in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern inzwischen eine Software von Palantir. Das ist das umstrittene US-Unternehmen von Alex Karp und Peter Thiel. In Bremen und Niedersachsen setzt die Polizei bislang keine KI von Palantir ein. Und auch Bundesbehörden wie das BKA warten noch. In diese Marktlücke will nun Becker stoßen. Er will den Sicherheitsbehörden eine europäische Alternative zu Palantir und Co. bieten.
Ich glaube, wir dürfen dieses Feld nicht den anderen überlassen. Wir müssen den harten Weg da gehen und eine Alternative aufbauen und das Interesse ist hoch und ich glaube, das kann funktionieren.
Roland Becker, CEO Just Add AI
Kritiker fürchten eine zu große Abhängigkeit von KI
Von grundsätzlichen Bedenken, dass wir künstlicher Intelligenz nicht zu viel Macht geben sollten, will Becker nichts wissen. Im Gegenteil: Er hält es für falsch, technische Hilfe abzulehnen. Denn unsere Gesellschaft sei auf künstliche Intelligenz zunehmend angewiesen.
Doch Menschen wie Alexander Noack vom Chaos Computer Club Bremen warnen vor der Macht, die eine solche künstliche Intelligenz haben wird. Er kritisiert, dass die Kriterien, wonach AI Watch entscheidet, welches Verhalten sie meldet und welches nicht, nicht transparent nachvollziehbar seien. Noack fürchtet eine zu große Abhängigkeit von künstlicher Intelligenz.
Ich erinnere mich an eine Zeit, als zum Beispiel das Rauchen in Zügen noch normal war. Heute ist es verboten. Das ist das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses. Unterwerfen wir unser Verhalten nun aber den Regeln eines Algorithmus, bestimmt plötzlich nicht mehr die Gesellschaft, was angemessen ist, sondern der Algorithmus eines Softwareherstellers.
Alexander Noack, Chaos Computer Club Bremen
Sirko Straube vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Bremen kann diese Bedenken nachvollziehen. KI-Technologie sei sehr mächtig. Es komme dabei immer auf den Anwender an.
Wenn KI-Technologie in die Hand von Autokraten fällt, stützt sie die Autokratie. Ich glaube aber, dass es keine Option ist, sich der KI-Entwicklung zu verschließen. Man kann sie auch einsetzen, um die Demokratie zu schützen.
Sirko Straube, Deutsches Forschungszentrum Künstliche Intelligenz Bremen
Just Add AI will Alternative zu ausländischer KI bieten
Roland Becker entgegnet auf derlei Einwände, dass KI ohnehin auf dem Vormarsch sei. Und bevor wir amerikanische oder chinesische Programme nutzen, sei es doch besser, eigene zu entwickeln, sodass die Daten nicht ins Ausland abwandern.
Wenn das wirklich funktioniert, könnten die europäischen Sicherheitsbehörden bald eine Alternative zu Palantir haben. Und das Wachstum bei Just Add AI weitergehen.
Quelle: buten un binnen.
Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 17. März 2026, 11:40 Uhr