Fragen & Antworten
Immer mehr Kaiserschnitte – Bremer Hebammen und Ärzte sind dagegen
Wieso sich Bremer Hebammen und Ärzte mehr natürliche Geburten wünschen
Jede dritte Krankenhaus-Geburt in Deutschland ist ein Kaiserschnitt. Dabei sind natürliche Geburten meist besser für Mutter und Kind, sagen Bremer Ärzte und Hebammen.
Der Trend geht zum Kaiserschnitt. Bundesweit jede dritte Klinik-Geburt war 2024 eine Bauchgeburt (33 Prozent). Damit ist der Anteil der Kaiserschnitte in deutschen Krankenhäusern so hoch wie nie zuvor. Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Zahl seit 1991 (15,3 Prozent) mehr als verdoppelt.
In den Kliniken im Land Bremen liegt die Quote der Kaiserschnitt-Geburten mit 32,8 Prozent leicht unter dem Bundesdurchschnitt und auch unter der aller anderen westdeutschen Länder. Hamburg rangiert mit 36,4 Prozent an der Spitze. Am niedrigsten ist die Quote mit 27,4 Prozent in Sachsen.
Über das Für und Wider von Kaiserschnitten hat buten un binnen mit Carsten Oberhoff, dem Chefarzt der Geburtshilfe des Eltern-Kind-Zentrums am Klinikum Bremen-Mitte, gesprochen und mit der Vorsitzenden des Hebammenlandesverbands Bremen, Lara Martin.
Warum entscheiden sich Frauen im Land Bremen seltener für den Kaiserschnitt als in anderen Bundesländern?
Das weiß man nicht mit Sicherheit. Carsten Oberhoff und Lara Martin halten aber für denkbar, dass es dafür einen politischen Hintergrund gibt. So gibt es in Bremen bereits seit 2013 das "Bremer Bündnis zur Unterstützung der natürlichen Geburt". Dieses Bündnis setzt sich zusammen aus Vertreterinnen und Vertretern des Gesundheitsressorts, der Zentralstelle der Landesfrauenbeauftragten, aus allen Kliniken im Land Bremen, den Hebammenverbänden, aus Krankenkassen und dem Verband der Ersatzkassen.
Entstanden sei der Zusammenschluss aufgrund einer Kaiserschnittquote von 31,9 Prozent im Land Bremen im Jahr 2011, erklärt Oberhoff. Das sei zwar für westdeutsche Verhältnisse keine hohe Quote gewesen – nach Auffassung der wesentlichen Bremer Akteure aber eine zu hohe.
Natürliche Geburten haben unter normalen Umständen nur Vorteile.
Gynäkologe Carsten Oberhoff
Welche Vorteile haben natürliche Geburten?
Das gehe los beim persönlichen Geburtsempfinden und dem Kontakt mit dem Kind, sagt Oberhoff. Auch erholten sich die Mütter nach einer natürlichen Geburt schneller als nach einem Kaiserschnitt: "Was Sie in der "Gala" lesen: Heute Kaiserschnitt, morgen wieder auf dem Laufsteg – das ist natürlich eine Illusion", so Oberhoff.
Auch die Kinder profitierten von natürlichen Geburten. Natürlich geborene Kinder entwickelten sich im Durchschnitt kognitiv besser als solche, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen. Auch hätten sie oft stärkere Abwehrkräfte und bekämen seltener Allergien. "Wenn aus medizinischer Sicht nichts dagegen spricht, sollte man Frauen immer zu einer natürlichen Geburt raten", sagt der Arzt.
Das sieht Lara Martin genauso. Zu Kaiserschnitten sagt sie: "Das sind große Operationen, die mit Risiken behaftet sind. Sei es aufgrund der Narkose oder des größeren Risikos für Blutungen und Infektionen." Auch seien Folgegeburten nach einem Kaiserschnitt mit größeren Risiken behaftet als andere Geburten – aufgrund der bereits operierten Gebärmutter.
Die natürliche Geburt ist unter normalen Umständen evidenzbasiert sicherer für Mutter und Kind.
Lara Martin, Hebamme
Wann sollten sich Mütter dennoch für den Kaiserschnitt entscheiden?
Dann etwa, wenn es zu Frühgeburten kommt, sagt Oberhoff. Doch auch dann, wenn ein Baby so groß ist, dass es möglicherweise nicht durch den Geburtskanal passt. "Auch eine falsche Lage des Kindes oder des Mutterkuchens könnte einen Kaiserschnitt erforderlich machen", fügt er hinzu. Gleiches gelte für Erkrankungen des Kindes oder der Mutter. Beispielhaft nennt er kindliche Fehlbildungen, die sofort nach der Geburt behandelt werden müssten.
Doch auch Übergewicht könne ein Argument für einen Kaiserschnitt sein: "Adipositas birgt erhebliche Schwangerschaftsrisiken", erklärt Oberhoff. Da es heute sehr viele deutlich übergewichtige Menschen gebe, handele es sich bei Adipositas inzwischen statistisch gesehen um einen der größten Risikofaktoren bei Schwangerschaften schlechthin. "In solchen Fällen machen wir manchmal auch einen Kaiserschnitt."
In welchen Fällen sind sich die Mediziner uneins?
Es gibt viele Fälle, in denen die Meinungen der Ärztinnen und Ärzte auseinandergehen, räumt Oberhoff ein. "Nehmen wir die Beckenendlage. Wir im Klinikum Bremen-Mitte sprechen uns bei einer Beckenendlage meist für eine natürliche Geburt aus." Viele andere Kliniken machten das nicht. Denn dort hätten die Kolleginnen und Kollegen häufig keine Erfahrung mit Beckenendlagen. Auch viele Frauen würden in solch einer Situation den Kaiserschnitt vorziehen, weil sie die Sectio für sicherer hielten als eine natürliche Geburt.
Wieso sind Kaiserschnitte trotz vieler Gegenargumente so beliebt?
Oberhoff führt das auch auf gesellschaftliche Entwicklungen zurück: "Ich glaube, dass viele werdende Mütter die Geburt gar nicht so sehr als natürlichen Prozess ansehen, sondern als etwas Geplantes. Wie man einen Urlaub plant, wie man ein Studium plant, wie man eine Reise plant. Da erscheint der Kaiserschnitt als etwas viel Einfacheres als die undankbare Situation einer Geburt."
Sowohl Oberhoff als auch Martin glauben, dass sich mehr angehende Mütter für natürliche Geburten entscheiden, wenn sie intensiver beraten würden. Auch deshalb sagt Martin: "Wir brauchen mehr Hebammen in den Kliniken, um eine enge Betreuung der Gebärenden sicherstellen zu können. Ideal wäre eine Eins-zu-eins-Betreuung am besten schon deutlich vor der Geburt."
Die Eins-zu-eins Betreuung werdender Mütter ist auch eine der zentralen Forderungen des Deutschen Hebammenverbands.
Quelle: buten un binnen.
Dieses Thema im Programm: butenunbinnen.de, Dein Audio Update, 17. Mai 2026, 7:40 Uhr