Vor 20 Jahren in Bremen gestorben: Die vielen Seiten des Rudi Carrell

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1992 wirbt Rudi Carrell mit der Maskottchen Rolf für die neuen fünfstelligen Postleitzahlen in Deutschland

Vor 20 Jahren in Bremen gestorben: Die Gesichter des Rudi Carell

Der Niederländer Rudi Carrell war einer der größten Entertainer der detuschen Fernsehgeschichte. Bild: Imago | teutopress
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Auch zwei Jahrzehnte nach seinem Tod ist Carrell unvergessen. Seine Shows sahen unvorstellbare 30 Millionen Zuschauer – und die TV-Legende selbst zeigte zahlreiche Facetten.

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1 Rudi, das Kriegskind

Rudi Carrell 1971 mit Schreibtafel
Rudi Carrells bürgerlicher Name war Rudolph Wijbrand Kesselaar. Bild: Radio Bremen | Karl Heinz Suchefort

Rudi Carrell lernte die Deutschen zunächst von ihrer unangenehmsten Seite kennen – nämlich als Nazis. 1940 waren die Niederlande von Hitler-Deutschland überfallen und besetzt worden. Rudis Eltern versteckten fast ein Jahr lang eine Jüdin, Tante Jo, auf dem Dachboden. 1942 dann ein folgenschweres Missgeschick: Der acht Jahre alte Rudi erwähnt "Tante Jo" in der Gegenwart eines Nachbarn. Deshalb wird sie schweren Herzens weggeschickt – sie überlebt die Besatzung in einem anderen Versteck. 

2 Rudi, der Modernisierer

Nach dem Krieg ging Rudi Carrell bei seinem Vater, dem Alleinunterhalter Andries Kesselaar, in die Lehre, machte im niederländischen Fernsehen Karriere und kam 1965 nach Deutschland. Dort war Fernsehunterhaltung noch eine Mischung aus buntem Abend und Bildungsbürgerquiz. Das änderte Carrell von Grund auf. Seine Samstagabend-Show "Am laufenden Band" hatte in den 70er-Jahren bis zu 30 Millionen Zuschauer.

3 Rudi, das Arschloch

Rudi Carrell in der Sendung "Am Laufenden Band" (27.April 1974) steht vor diversen Alltagsgegenständen und dem Würfel mit dem Fragezeichen.
Mit der Sendung "Am laufenden Band" feierte Carrell große Erfolge. Bild: Imago | Allstar

Rudi Carrell war alles andere als ein "lockerer Holländer". Im Gegenteil, er selbst bezeichnete sich als klassischen Preußen. Damit meinte er seine Arbeitswut und Disziplin. Von seinem Stab erwartete er vollen Einsatz, regelmäßig riss ihm der Geduldsfaden. Seine Wutausbrüche waren so schlimm, dass das Aufnahmeteam von "Am laufenden Band" einmal sogar in den Streik trat – wenige Tage vor der nächsten Show. "Daraufhin hat er uns alle in ein Top-Lokal eingeladen und sich entschuldigt", berichtet Thomas Woitkewitsch, damals einer seiner engsten Mitarbeiter. Carrell selbst bekannte im Rückblick: "Ich war im Studio ein widerliches Arschloch."

4 Rudi, der Kettenraucher

Rudi Carrell mit Zigarette
"Für mich war 'Am laufenden Band' die Hölle", sagte Carrell später. Bild: Imago | teutopress

Rudi Carrell rauchte bis zu zwei Packungen Zigaretten am Tag. Sein Büro war immer völlig verqualmt, der Aschenbecher quoll über. Die Ursache dafür war Stress. Alle Spiele für "Am laufenden Band" wurden erst in der Woche davor erdacht und umgesetzt, man sprach von den "Bremer sechs Tagen", weil alles bei Radio Bremen stattfand, auch wenn der WDR in Köln das meiste Geld zahlte. Die Texte für Rudis Eröffnungslied wurden sogar manchmal erst Minuten vorher fertiggestellt.

5 Rudi, der Sänger

Rudi Carrell wurde besonders geliebt wegen seines weichen holländischen Akzents. Er machte immer noch Fehler im Deutschen, selbst als er schon seit Jahrzehnten hier wohnte. Auch das fand das Publikum sehr charmant. Als klassischer Entertainer konnte er zudem singen und landete mehrere Hits, der größte darunter: "Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?" Woitkewitsch dichtete den Text 1975 auf die Melodie des vier Jahre zuvor herausgekommenen US-Songs "City of New Orleans".

6 Rudi, der Macho

Der niederländische Showmaster und Schauspieler Rudi Carrell mit Ehefrau Anke Carrell im Jahr 1985
Rudi Carrell mit Ehefrau Anke Carrell im Jahr 1985. Bild: Imago | United Archives

Rudi Carrells Verhalten gegenüber Frauen würde heute kaum noch toleriert werden. Anzügliche Bemerkungen gehörten für ihn zum Umgangston, mitunter kniff er sogar in die Brüste. Wenn es dann Ärger gab, war seine Standard-Ausrede: "Man darf doch wohl mal einen Scherz machen!" Seine Tochter Annemieke erzählte Carrells Biografen Jürgen Trimborn, die Emanzipation sei an ihrem Vater spurlos vorübergegangen.

7 Rudi, der Gutsherr

1975 kaufte sich Rudi Carrell ein altes Landgut in Syke, das in den darauffolgenden Jahren von seiner Frau Anke aufwendig hergerichtet wurde. Diese Umbau- und Renovierungsmaßnahmen finanzierte er im Wesentlichen mit den Einnahmen aus seiner Werbekampagne für eine große deutsche Supermarktkette, weshalb er das Herrenhaus gern auch als "Casa Edeka" bezeichnete.

8 Rudi, der Ruditollah

Rudi Carrell in Rudis Tagesshow 1987
1981 kehrt Carrell nach einer längeren Pause mit "Rudis Tagesshow" auf den Bildschirm zurück. Bild: Imago | United Archives

1987 löste die Comedyshow "Rudis Tagesshow" eine diplomatische Krise aus: In einer nur 14 Sekunden langen Bildmontage wurde der Eindruck erweckt, als wäre der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini von begeisterten Anhängerinnen mit Dessous beworfen worden. In Teheran demonstrierten daraufhin Tausende gegen den Frevel, zwei deutsche Diplomaten wurden ausgewiesen, und vorübergehend galt ein Landeverbot für deutsche Passagierflugzeuge. Carrell entschuldigte sich daraufhin für die Verletzung religiöser Gefühle. 

9 Rudi, das Lästermaul

Rudi Carrell war bekannt dafür, dass er gern über Kollegen herzog. Fast jeder kam mal dran. So bezeichnete er Dieter Bohlen als "Witzfigur" und Harald Juhnke und Hans Rosenthal als "Arschkriecher" gegenüber den Zuschauern. Häufig taten ihm die Beleidigungen hinterher leid, und dann rief er den Betroffenen an und entschuldigte sich. Die Ausrede war immer die gleiche: Gemeine Reporter hätten ihn mit Alkohol abgefüllt und ihm dann die Schmähungen im Suff entlockt.

10 Rudi, die Legende

Rudi Carrell 2006 mit der Goldenen Kamera.
2006 bekam Rudi Carrell die Goldene Kamera für sein Lebenswerk. Bild: dpa | Eventpress Herrmann

Rudi Carrell lebte für die Arbeit – und blieb bis zum Schluss ein absoluter Profi. Schon schwer von seiner Lungenkrebserkrankung gezeichnet, stark abgemagert und mit kaum noch wiedererkennbarer Stimme nahm er 2006 in Berlin den Ehrenpreis der Goldenen Kamera entgegen. "Die Tatsache, dass ich hier heute diesen Ehrenpreis in Empfang nehmen kann, verdanke ich in allererster Linie meiner deutschen Krankenversicherung, dem Klinikum Bremen-Ost und der deutschen Pharmaindustrie", sagte er.

"Es war eine Ehre, in diesem Land und vor diesem Publikum Fernsehen machen zu dürfen." Mit nicht enden wollenden Ovationen wurde er vom Publikum verabschiedet. Am 7. Juli 2006 starb der Entertainer im Klinikum Bremen-Ost an den Folgen seiner Krebserkrankung.

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Quelle: dpa.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 7. Juli 2027, 6:10 Uhr