Interview
"So ein schöner fetziger Tango auf dem Akkordeon – das hat doch was!"
Bremens größtes Akkordeonorchester scheut sich vor keinem Genre
Das Akkordeon ist Instrument des Jahres 2026. Ein Gespräch mit der Vorsitzenden des Akkordeon-Orchesters "Die Bremer Stadtmusikanten" über Vorurteile, Volksmusik und Vielfalt.
Frau Bartling, viele Menschen begegnen dem Akkordeon mit Vorurteilen: 'Es ist ein Instrument für Volksmusik, das hört keiner mehr.' Was antworten Sie solchen Leuten?
Das Image ist nicht das Beste – aber ich hoffe, jetzt, wo das Akkordeon das Instrument des Jahres ist, wird es besser. Das Instrument hat den Ruf des Schifferklaviers, der Quetschkommode. Dabei liegt der Reiz des Akkordeons letztendlich in der Klangvielfalt. Und an der Vielfältigkeit der Stücke, die man auf dem Instrument spielen kann.
Es sind ja nicht nur Shantys – klar, früher wurde es auf den Schiffen mitgenommen zum Zeitvertreib. Aber dieses Image, dass das alles ist, was das Akkordeon kann, ist falsch. Wir können jede Musikrichtung spielen – von Originalkompositionen über Klassik, bis hin zu Rock und Pop. Aber auch argentinischen Tango, französischen Musette, was auch immer Sie für eine Stilrichtung nehmen wollen. Es ist alles machbar.
Was macht das Akkordeon so vielfältig?
Das Instrument hat eine Melodieseite und auf der anderen Seite kann man Harmonien spielen – man kann Rhythmus spielen. Alles mit nur einem Instrument. Und es klingt sowohl allein als auch im Orchester gut.
Wenn man sich ein Akkordeon anschaut, bekommt man den Eindruck, es ist koordinativ eine ganz schöne Herausforderung, dieses Instrument zu meistern…
Ja, das ist schon eine Herausforderung, aber wenn man früh genug anfängt, geht es natürlich leichter. Kinder sind da sehr flexibel. Die schaffen das am leichtesten. Wenn man als älterer Mensch mit so einem Instrument anfangen möchte und mit zwei Händen was Unterschiedliches machen soll, dann sagt der Kopf: 'Nein, das kann ich nicht mehr.'
Zudem ist ein Akkordeon durchaus schwer. Mein Instrument wiegt grob 15 Kilogram. Das ist kein Leichtgewicht, das man nebenbei mitnimmt oder damit durch die Gegend läuft.
Warum lieben Sie das Akkordeon so sehr?
Eigentlich wegen der Klangvielfalt und weil man alle Musikrichtungen spielen kann, alle Stilrichtungen. Außerdem kann ich es allein spielen, aber auch im Orchester. Und diese Vielfältigkeit ist das, was mir am meisten Spaß macht.
Wie lange brauche ich, bis ich das Instrument in seinen Grundzügen erlerne?
Das hängt natürlich davon ab, wann man anfängt. Sagen wir mal so: Ich habe ein Jahr gebraucht, da konnte ich mal gerade den berühmten Schneewalzer spielen. Aber um bei uns im Orchester mitspielen zu können, da brauchte es schon vier oder fünf Jahre.
Ich selbst habe zehn Jahre lang Unterricht genommen. Das Spielen ist die eine Sache, dann kommt aber auch eine gewisse Technik dazu. Man kann ganz spitze Töne spielen oder die Töne so formen, dass sie rund klingen oder weich oder ein bisschen zackig. Aber das kommt erst, wenn man weiß, wo welcher Ton ist und welcher Finger auf welche Taste gehört. Diese Tonbildung, die kommt erst später.
Droht das Akkordeon langsam auszusterben?
Das ist eine gute Frage. Es gibt sicherlich immer mal wieder Kinder, die es lernen. Aber ich glaube, viele kapitulieren auch relativ schnell, weil es wirklich mit einem Übungsaufwand verbunden ist. Auch in unserem Orchester haben wir definitiv Nachwuchssorgen. Wir sind schon alle eher 50 plus, nur eine Spielerin ist 30 Jahre alt, aber das ist die Ausnahme.
Ich hoffe wirklich, dass das Akkordeon jetzt als Instrument des Jahres einen Boom bekommt und es wieder mehr gespielt wird.
Was würde verloren gehen, wenn es wirklich ausstirbt und es keiner mehr spielt?
Zurzeit gibt es meines Wissens nach rund 100.000 Menschen in Deutschland, die Akkordeon spielen. Das finde ich eigentlich noch sehr viel und es ist im süddeutschen Raum auch wesentlich verbreiteter als hier in Norddeutschland. Was würde uns verloren gehen? Eine Menge! Ich meine, so ein schöner fetziger Tango auf dem Akkordeon – das hat doch was.
buten un binnen bei Google bevorzugen
Dieses Bremer Akkordeon-Orchester kann alles spielen
Das Akkordeon ist "Instrument des Jahres 2026". Und wer glaubt, das Akkordeon könne nur Volksmusik, liegt ziemlich falsch.
Quelle: Radio Bremen