Hintergrund

Viele Arme trotz hoher Wirtschaftskraft: Wie geht es Bremen wirklich?

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Ein Containerschiff wird bei Sonnenuntergang im Hafen von Bremerhaven entladen.
Die Wirtschaft in Bremen ist von Extremen geprägt - aber warum ist das so?

Ist Bremen wirklich von Armut betroffen?

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Bremen liegt bei fast 60.000 Euro jährlich pro Einwohner, rund 10.000 Euro höher als im Bundesdurchschnitt – wie passt das zusammen mit der Armut, von der viele im Land bedroht sind? Bild: dpa | Imagebroker/Klaus-Dieter Möbus
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Mehr als jedem Vierten im Land Bremen droht die Armut. Und doch gilt Bremens Wirtschaft als stark. Der SPD-Abgeordnete Gottschalk beschreibt, wie das zusammenpasst.

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"Das zweitreichste arme Land": So lautet der Titel des Aufsatzes mit dem Arno Gottschalk dieser Tage für Aufsehen sorgt. Darin erklärt der SPD-Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft und Ökonom, "warum Bremens 'Armutsquote von knapp 30 Prozent' mehr über die Statistik verrät als über Bremen".

Der SPD Politiker Arno Gottschalk im Interview.
Der Bremer Ökonom und SPD-Abgeordnete Arno Gottschalk kritisiert in einem Aufsatz Unschärfen in der Armutsberichterstattung. Bild: Radio Bremen

Gottschalk erläutert eine bekannte Besonderheit im Zwei-Städte-Staat: den vermeintlichen Widerspruch zwischen der hohen Armutsgefährdung einerseits und der hohen Wirtschaftskraft andererseits. Tatsächlich weist Bremen die zweithöchste Wirtschaftskraft aller Bundesländer auf. An der Spitze liegt Hamburg.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Bremen liegt bei fast 60.000 Euro jährlich pro Einwohner, rund 10.000 Euro höher als im Bundesdurchschnitt. Das BIP gibt an, wie viel in einem Land in einem bestimmten Zeitraum wirtschaftlich geleistet wurde.

Fallstricke der Statistik

Ein Obdachloser schiebt seine Habseligkeiten mit einem Einkaufswagen durch die Bremer Innenstadt
Obdachlosigkeit ist ein sichtbarer Ausdruck von Armut. Oft bleibt Armut aber auch im Verborgenen. Sie zeigt sich im Fehlen gesellschaftlicher Teilhabe. Bild: Imago | Chris Emil Janßen

Gottschalk erklärt den scheinbaren Widerspruch aus hoher Armutsgefährdungsquote und hoher Wirtschaftskraft in erster Linie damit, dass es sich bei Bremen um einen Zwei-Städte-Staat, nicht aber um ein Flächenland handelt. Mehr als 40 Prozent der Menschen, die in Bremen arbeiten und damit für Bremens Wirtschaftskraft sorgen, leben im Umland, insbesondere in Niedersachsen – und zahlen dort die Einkommenssteuer, nicht aber an ihrem Arbeitsort Bremen.

Beispielhaft schreibt Gottschalk: "Die gutverdienende Ingenieurin, die in Bremen arbeitet und in Stuhr oder Delmenhorst wohnt, hebt Bremens BIP je Einwohner, fehlt aber vollständig in Bremens Einkommensverteilung." Eben diese Einkommensverteilung aber sei maßgeblich für Bremens hohe Armutsquote.

Um ein schärferes Bild von der Armut Bremens zu gewinnen, müsse man Bremen und Bremerhaven mit Städten ähnlicher Größe vergleichen statt mit Flächenländern, so Gottschalk. Denn überall in Deutschland konzentriere sich Armut in den Kernstädten.

Der Wohlstand dagegen verteile sich in Umlandgemeinden: "Ein Flächenland wie Bayern enthält beides — die ärmeren Stadtkerne und die wohlhabenden Speckgürtel und ländlichen Räume — und mittelt sie zu einem niedrigen Wert. Bremen, Berlin und Hamburg sind nur Kern, ohne Ring." Tatsächlich fallen auch in Berlin und in Hamburg die Armutsquoten vergleichsweise hoch aus, wenn auch nicht so hoch wie in Bremen.

Verzerren Studenten die Statistik?

Ein vollbesetzter Hörsaal in der Uni Bremen
Studentinnen und Studenten haben im Normalfall nicht viel Geld. Als Indikator für die Armut oder den Reichtum einer Region eignen sie sich dennoch nur sehr bedingt. Bild: Universität Bremen | Michael Ihle

Als weitere Gründe für Bremens hohe Armutsquote führt Gottschalk die gut 40.000 Studenten an, die in Bremen und in Bremerhaven eingeschrieben sind. Auch wenn die Einkommensschwäche der meisten Studis nicht von Dauer sei, erfasse sie die Statistik doch als armutsgefährdet. Auch hier sieht Gottschalk eine Unschärfe.

Ähnliches gilt dem Autor zufolge für die hohe Zahl an Zuwanderern. Mit 104 Personen pro 10.000 Einwohnern verzeichne das Land Bremen für 2024 die zweithöchste Nettozuwanderung aller Bundesländer: hinter Berlin, vor Hamburg. Dazu erklärt Gottschalk: "Statistisch wirkt das auf die Armutsquote wie ein Verstärker […]. Wer neu ankommt, beginnt fast immer mit sehr niedrigem Einkommen […]. Schutzsuchende dürfen anfangs gar nicht oder nur eingeschränkt arbeiten."

Was im Fall Bremens erschwerend hinzu komme: Während die Zahl der Zuwanderer aus dem Ausland steige, verliere Bremen immer mehr – wirtschaftlich gut situierte Einwohner – an das Umland.

Bremen nimmt die Einkommensschwachen auf und gibt die Einkommensstarken an den Speckgürtel ab.

Arno Gottschalk

Relativiert Gottschalk den Armutsbericht?

Der Bremer Armutsforscher René Böhme stimmt Gottschalk in vielen Punkten zu. So lobt er, dass der Autor den scheinbaren Widerspruch zwischen der hohen Wirtschaftskraft Bremens und der hohen Armutsgefährdung auflöst.

Auch pflichtet er Gottschalk darin bei, dass es in den meisten Fällen sinnvoller sei, Bremen und Bremerhaven mit ähnlich großen Städten zu vergleichen als mit Flächenländern.

Als arm gilt nicht erst jemand, der hungert

"Ein bisschen unglücklich" aber findet Böhme, dass Gottschalk seinen Aufsatz kurz nach Erscheinen des Armutsberichts veröffentlicht hat. Dadurch könne bei dem einen oder anderen Leser der Eindruck entstehen, dass der Autor den Bericht in Teilen relativieren wolle.

Erschwerend hinzu komme, dass Gottschalk – zumindest indirekt – infrage stelle, wie in Deutschland Armut berechnet wird. Als arm gilt demnach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens aller Haushalte verfügt. "Der Staat orientiert sich bewusst an der Möglichkeit zur sozialen Teilhabe, nicht an Hunger und Obdachlosigkeit. Ich stehe hinter diesem relativen Armutsbegriff", betont Böhme und fügt hinzu: "Das muss der Anspruch eines Sozialstaats sein."

Bremen keine typische Studistadt

Schließlich wäre Böhme nach eigenem Bekunden "vorsichtig" damit, die Studenten vorzuschieben als Grund für die hohe Bremer Armutsgefährdungsquote. Zum einen flössen viele Studierende, die bei ihren Eltern oder im Wohnheim lebten, gar nicht in die Armutsberichterstattung ein.

Zum anderen sei Bremen trotz vieler Studis keine typische Studentenstadt. Dazu zählten etwa Münster, Freiburg oder Heidelberg, wo Studierende rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Armutsquote sei dort dennoch nicht besonders hoch, betont Böhme. Zur Orientierung: Die 40.000 Studenten und Studentinnen im Land Bremen machen weniger als sechs Prozent der Bremer Bevölkerung aus.

Begrenzter Spielraum vor Ort

Eine politische Konsequenz aus Gottschalks Aufsatz könnte sein, dass Bremen noch einmal versucht, das Steuerzerlegungs-Prinzip im Bund zu thematisieren: "Es ist nicht gerecht, dass die Einkommenssteuer am Wohnort und nicht am Arbeitsort gezahlt wird", so Böhme.

Vor Ort seien die Handlungsmöglichkeiten begrenzt. Bremen müsse versuchen, als Wohnort so attraktiv zu werden, dass weniger Menschen mit hohen Einkommen ins Umland abwandern. Wie dieses Ziel aber zu erreichen sei – das ist die große Frage. In den letzten Jahren sind tendenziell immer mehr Bremer ins Umland gezogen.

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Armutsbericht: Jeder 4. Bremer ist von Armut betroffen

Bild: Radio Bremen
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Quelle: buten un binnen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Vormittag, 30. Juni 2026, 11:10 Uhr