Fragen & Antworten
Welche Warnsignale gibt es bei Essstörungen – und wie kann ich helfen?
Mehr junge Frauen wegen Essstörungen in stationärer Behandlung
Immer mehr Mädchen werden wegen Essstörungen im Krankenhaus behandelt. Eine Bremer Expertin erklärt, worauf jeder achten sollte und wie Sie Betroffene ansprechen können.
Die Zahl der wegen Essstörungen im Krankenhaus betreuten Mädchen hat sich binnen 20 Jahren verdoppelt. Im Jahr 2023 mussten 6.000 Mädchen und junge Frauen im Alter von zehn bis 17 Jahren in Deutschland stationär wegen einer Magersucht, Bulimie oder anderen Essstörungen behandelt werden, teilte das Statistische Bundesamt vor Kurzem mit. Im Jahr 2003 seien es noch 3.000 Patientinnen gewesen.
Damit gab es vor allem eine Verschiebung beim Alter der Betroffenen, die gesamte Fallzahl blieb im 20-Jahres-Vergleich mit 12.600 Fällen 2003 und 12.100 Fällen 2023 ähnlich.
Ab wann liegt eine Essstörung vor?
Oft sind Essstörungen ein schleichender Prozess, der mit einer Veränderung der Ernährung beginnt. Erste Alarmsignale sind laut Bianca Gerdes, Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis sowie Mitarbeiterin im Mädchenhaus Bremen: eine Person isst kleinere Portionen, das Essen wird hinausgezögert oder der Mensch vergleicht seinen Körper zu sehr mit anderen. Auch solle man hellhörig werden, wenn Ernährung ein dominierendes Thema wird.
All das könnte darauf hindeuten, dass es sich um eine Essstörung handeln könnte. Genaue Richtlinien bei der Diagnose liefert die internationale Klassifikation der Krankheiten, auch bekannt unter der englischen Abkürzung ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems).
Was steckt dahinter?
Psychologische Psychotherapeutin Gerdes erklärt, dass es sich dabei um ein Selbstwertproblem handelt: "Wenn ich mich in meinem Selbst sicher fühle, habe ich nicht den Eindruck, meinen Körper irgendwie verändern zu müssen." Diäten können dabei eine Art Einstiegsdroge sein. Aber nicht jede Diät ist eine Essstörung. Gerdes erklärt, dass man abnehmen als einen "langen Prozess" betrachten sollte, der durch eine Ernährungsumstellung geschieht.
Dabei sollte man sich immer selbst hinterfragen, warum man unbedingt seinen Körper verändern möchte. Gerdes sagt, dass eine Diät in eine Essstörung umschlagen könnte, "wenn ich Angst habe etwas zu trinken, was ich eigentlich mag – dann ist das schon ein Alarmsignal."
Welche Rolle spielen dabei die sozialen Medien?
Soziale Medien sind nicht schuld an dem Anstieg, aber können die Ursache verstärken. Es sei ein Faktor von vielen, sagt Gerdes. Die Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt, Cornelia Holsten, verweist darauf, dass ein kritischer Umgang mit dem Thema wichtig ist.
Man sollte sich immer wieder bewusst machen: Es ist längst nicht alles echt, was auf Instagram, TikTok und Co. als authentisch verkauft wird.
Cornelia Holsten, Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt
Schlanke Körper, perfekt inszeniert, Filter darauf – das könnte zu einer falschen Wahrnehmung führen. Deswegen führt Holsten aus: "Das wahre Leben findet offline statt."
Wer einmal aufmerksam durch die Stadt läuft, wird schnell sehen, dass es viele verschiedene Körpertypen und -formen gibt. Und das ist auch gut so.
Cornelia Holsten, Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt
Auch wenn sich in manchen Kreisen junge Frauen gegenseitig bestärken, Gewicht abzunehmen, gebe es auch positive Beispiele. "Inzwischen gibt es auch Influencer und Influencerinnen, die genau darauf aufmerksam machen: Sie posten einen Bildvergleich, den sie dann 'Social Media vs. Realität' nennen", sagt Holsten. "So zeigen sie zum Beispiel, dass man mit der optimalen Beleuchtung und einer raffinierten Pose gleich viel schlanker aussehen kann." Eine gute Gegenmaßnahme sei laut der Direktorin, den Medienkonsum zu reduzieren.
Wie spreche ich das Thema an?
Psychologische Psychotherapeutin Gerdes verrät verschiedene Tipps, wie man Essstörungen bei Freunden, Verwandten oder Bekannten ansprechen kann. Unter anderem sollte das immer im Einzelkontakt erfolgen. Man sollte sich auch selbst hinterfragen, ob man die richtige Person sei. Die Ansprache sollte zudem nicht beschämen, die Wortwahl aber deutlich sein. Gleichzeitig müsse man darauf achten, nicht zu sehr zu drängen und die Grenzen der anderen Person achten.
Formulierungen könnten wie folgt aussehen:
- Geht es dir eigentlich gut?.
- Du, mir ist etwas aufgefallen..
- Darf ich dir das sagen?.
- Ich mache mir einfach Gedanken um dich..
Wichtig sei auch, das Thema immer wieder mal anzusprechen. Bei Zurückweisungen könne man laut Gerdes auch anbieten, in Zukunft dafür gesprächsbereit zu sein. Das könnte Betroffenen helfen.
Quellen: buten un binnen und AFP.
Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 12. August 2025, 13:20 Uhr