Seit 50 Jahren Genosse: Warum Ulrich Mäurer mit der Bundes-SPD hadert
Was treibt Bremens langjährigen Innensenator Ulrich Mäurer an?
Bremens Innensenator verabschiedet sich in den Ruhestand. Doch ein Thema, das sein Amt kaum tangierte, treibt den langjährigen Sozialdemokraten stark um. Ein Porträt.
Mit seinen 74 Jahren kämpft sich Ulrich Mäurer mehrmals in der Woche entlang der körperlichen Grenzen. Ob beim Boxen, beim Gewichtestemmen oder beim Spinning: Er schwitzt und schnauft regelmäßig im Fitnessbereich eines Hotels. Der Ehrgeiz treibt ihn an. Sein Trainer machte früher englische Fallschirmjäger fit. Seinen prominenten Kunden muss er nur selten motivieren: "Er will immer das Beste zeigen". Ob beim Sport oder in der Politik: Kämpfen kann Ulrich Mäurer.
In seinen fast 18 Jahren als Innensenator Bremens trägt er viele politische Kämpfe aus und wird so zur Marke: Der rote Sheriff, Mr. Law and Order. Mit diesem Image erreicht er Wähler, die ihr Kreuzchen ansonsten vielleicht nicht bei der SPD gemacht hätten. Seit weit über 50 Jahren ist er Sozialdemokrat. Die Partei prägt sein Leben.
Mäurer ist auf Distanz mit SPD-Bundespartei
Doch schon seit geraumer Zeit rumort es in ihm. Dabei geht es keineswegs um seine kritische Haltung zum Thema Migration.
Wegen des Umgangs mit Russland und der Aufrüstungspolitik ist er auf Distanz zur Parteiführung in Berlin. Die Haltung der Bundes-SPD widerspricht seinen tiefsten Überzeugungen. Mäurer verkniff sich bisher jede öffentliche Äußerung zu dem Thema. Mit seinem Amt als Innensenator habe es schließlich kaum zu tun, meint er. Doch als langjähriger Sozialdemokrat ist es ihm ein Anliegen, kurz vor dem Ausscheiden aus der aktiven Politik, seinen Standpunkt klar zu benennen.
Die SPD ist für mich auf einem Irrweg und ich hoffe, dass dieser Weg auch korrigiert wird.
Ulrich Mäurer
Mit dieser Haltung eckt er an. Warum er mit seiner Partei hadert, die Aufrüstung kritisch sieht und ein Zugehen auf Russland fordert? Der Grund sind Erfahrungen, die ihn in seiner Kindheit prägten.
Aufgewachsen in stetiger Kriegsangst
Ulrich Mäurer wächst in Daun auf, einer kleinen katholischen Gemeinde in der Eifel. Der Kalte Krieg ist in seiner Kindheit dauerpräsent. Von nahegelegenen Militärflughäfen donnern oft Jets über den Ort. Noch heute habe er das Klirren der Scheiben im Kopf, erzählt er. Und stets spürt er die latente Angst vor einem Atomkrieg.
Als junger Mann schließt er sich den Jungsozialisten an, weil er von Willy Brandts Annäherungspolitik an die Sowjetunion überzeugt ist. "Ich habe viele Hoffnungen auf die neue sozial-liberale Regierung gesetzt. Das war eine Zeit des Aufbruchs." Mäurer ist zutiefst davon überzeugt: Nur die Annäherung an den Ostblock sichert Frieden – dazu steht er bis heute.
Nach einem Semester in Marburg startet er sein Jura-Studium an der Bremer Uni. Richter, Anwalt oder Staatsanwalt will er nie werden – er landet im Justiz-Ressort. Unter dem ehemaligen Bremer SPD-Bürgermeister und Justizsenator Henning Scherf nimmt seine Karriere Fahrt auf. Scherf macht Mäurer zum JVA-Leiter, 1997 dann zum Justizstaatsrat. "Ich fühlte mich nie allein gelassen oder überfordert oder mit Aufgaben und Problemen konfrontiert, auf die ich nicht vorbereitet war", so Scherf über die Zeit mit Mäurer. Er habe es als richtig gute Zusammenarbeit in Erinnerung.
Kampf gegen den Krebs
Mäurers Karriere wirkt wie aus einem Guss. Doch eine Krebsdiagnose stellt vor 25 Jahren plötzlich alles in Frage. Eine Stammzellentherapie rettet sein Leben. "Es stand wirklich auf der Kippe", erzählt seine Frau Brigitte Wohner-Mäurer. Die Krankheit habe ihn dazu veranlasst, mit Sport anzufangen – mit seinem Trainer schwitzt er seitdem regelmäßig. Auch die Arbeit sei eine Stütze gewesen.
Im Krankenhaus hatte er überall Akten um sich herum. Er hat immer gearbeitet. Er ist einer, der das braucht.
Brigitte Wohner-Mäurer, Ehefrau
Er bekämpft den Krebs – mit Erfolg. 2008 wird Mäurer Innensenator. Vor mehr als 17 Jahren also. Jahre, in denen sich sein Image bildet. Rockern wie den Hells Angels sagt er den Kampf an oder bezwingt nach langer Auseinandersetzung die Deutsche Fußball Liga (DFL) im Streit um Polizeikosten bei Fußballspielen, final vor dem Bundesverfassungsgericht. Ist Mäurer von etwas überzeugt, bleibt er hart und zieht es durch.
Das dienliche Image als harter Hund
Vor allem sein Einsatz gegen Rocker, Clan-Mitglieder oder Fußballfunktionäre prägen sein Bild in der Öffentlichkeit. Freunde erzählen dagegen, privat habe Mäurer wenig gemein mit seinem Image als harter Hund. Wenn er beispielsweise in sein Dachgeschoss lädt und mit Stolz seine Carrerabahn präsentiert. Er habe viele Stunden in den Bau investiert, erzählt er stolz, während er die Autos auf der Bahn kurven lässt. "Das ist alles sehr massiv gebaut und hält noch Jahrzehnte."
Früher hätte er diesen Eigenbau der Presse nicht gezeigt. Mäurer weiß um die Wirkung solcher Bilder. Er gibt den durchsetzungsstarken Senator, der Recht und Ordnung im Blick hat. Dieses öffentliche Bild ist der Sache dienlich. Und sein Image ist ihm wichtig. Bei Problemen garniert Mäurer seinen Standpunkt gerne mit markigen Sprüchen.
Was politische Weggefährten über Mäurer sagen
Der parteilose Hermann Schulte-Sasse war von 2012 bis 2015 Senatorenkollege von Mäurer. Es entwickelte sich eine Freundschaft die bis heute hält. Ja, sein Freund Uli sei selbstbewusst, mitunter auch eitel, erzählt Schulte-Sasse. Vielleicht ein Moment, in dem sich gekränkte Eitelkeit offenbarte, war eine Debatte im Oktober 2023 in der Bürgerschaft. Als die CDU-Fraktionschefin Wiebke Winter ihm vorwarf, zu wenig gegen Clankriminalität zu tun, kanzelte Mäurer sie ab. Er habe schon Clankriminalität bekämpft, da sei sie noch im Kindergarten gewesen.
Wegen Russland: Mäurer hadert mit seiner SPD
Wenn Schulte-Sasse privat mit Ulrich Mäurer diskutiert, sind sie oft einer Meinung. Nicht aber, bei einem Thema, das Mäurer als Sozialdemokrat persönlich tief bewegt. Die Haltung der SPD zu Russland. Die Politik der Aufrüstung steht seinen Grundüberzeugungen komplett entgegen. Mäurer ist überzeugt, man müsse auf Putin zugehen. Stattdessen würden die entscheidenden Akteure aufrüsten. "Sie entwickeln die Sache immer weiter, sie eskalieren", so Mäurer. Und die Frage sei, wo soll das enden?
Das Risiko, dass es zu einer größeren Auseinandersetzung kommt, wächst ja täglich.
Ulrich Mäurer
Hermann Schulte-Sasse sieht das anders und hält Putin für denjenigen, der eskaliert. Aber er spürt bei seinen Gesprächen mit Mäurer, wie tief ihn dieses Thema im Kern umtreibt. "Ich nehme wahr, dass er einen großen Konflikt darin sieht, dass das ursprüngliche Motiv, sich der SPD anzuschließen, in der aktuellen politischen Situation, sehr in Frage gestellt ist."
Scherf hofft, dass Mäurer der SPD die Treue hält
Seit fünf Jahrzehnten kämpft Ulrich Mäurer für die Sozialdemokratie. Das Konzept 'Wandel durch Annäherung' gehörte zur DNA seiner Partei. Deshalb wurde Mäurer als junger Mann Sozialdemokrat. Den aktuellen Kurs seiner Partei hält er nun für grundlegend falsch. Auch Henning Scherf weiß um die Distanz seines Parteigenossen zum Kurs der Bundes-SPD. Der ehemalige Bürgermeister hofft, dass Mäurer deshalb die Treue zur Sozialdemokratie nicht generell in Zweifel zieht.
Ich wünsche ihm richtig, dass er das durchhält bis zu seinem Ende. Dass er das nicht zum Schluss wegwirft und sagt: 'Ich hab die Nase voll."
Henning Scherf, ehemaliger Bürgermeister
"Muss nicht immer da sein, wo die Mehrheit ist"
Austreten aus der Partei will Ulrich Mäurer nicht – das stellt er klar. Aber die innere Distanz zu seiner SPD ist neu für ihn. Er wisse, dass er mit seiner Meinung sehr isoliert sei. "Das ist nicht die Mehrheit. Aber man muss ja nicht immer da sein, wo die Mehrheit ist", sagt er abschließend.
Mit der eigenen Partei hart ins Gericht zu gehen, zum Abschluss der politischen Karriere? Viele hätten darauf verzichtet. Ulrich Mäurer tut es nicht.
Bremens Innensenator Mäurer übernimmt Vorsitz: "Herausforderungen, die riesig sind"
Quelle: buten un binnen.
Dieses Thema im Programm: butenunbinnen.de, "Seit 50 Jahren Genosse: Warum Ulrich Mäurer mit der Bundes-SPD hadert", 10. Dezember 2025, 18:50 Uhr