Interview

Bremer Telefonseelsorger: "Gewaltanrufe ärgern mich sehr"

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Eine Mitarbeiterin des Diakonischen Werks führt ein Telefonseelsorge-Gespräch.

Bremer Telefonseelsorger Peter Brockmann im Gespräch

Bild: dpa | Markus Scholz
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Vor knapp 70 Jahren startete in Deutschland die Telefonseelsorge. Der Leiter der Bremer Stelle verrät, warum Krisengespräche am Telefon anders laufen als unter vier Augen.

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Die Idee der Telefonseelsorge wurde in den 1950er-Jahren aus dem englischsprachigen Raum nach Deutschland gebracht. Es waren zunächst Großstädte wie Berlin und Stuttgart, in denen die evangelische Kirche Mitte der 1950er-Jahre die Leitungen für Anrufer öffnete.

Porträt von Peter Brockmann
Pastor Peter Brockmann ließ sich in den 1990er Jahren zum Telefonseelsorger ausbilden. Seit elf Jahren leitet er die Telefonseelsorge-Stelle der Bremischen Evangelischen Kirche. Bild: Bremische Evangelische Kirche

Auch Bremen zog Anfang der 1960er-Jahre nach. Seit elf Jahren leitet Pastor Peter Brockmann die Telefonseelsorge der Bremischen Evangelischen Kirche. Dem 62-Jährigen zur Seite stehen rund 70 ehrenamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger, die im Jahr 2024 insgesamt 11.273 Gespräche geführt haben.

Herr Brockmann, worüber wollen die Menschen am häufigsten sprechen?

Das Topthema ist die Einsamkeit oder das Gefühl, isoliert zu sein. Das spielt in ungefähr jedem fünften Anruf eine Rolle. Viele Menschen rufen auch wegen Schwierigkeiten in der Familie an. Das körperliche Befinden wird ebenfalls oft zur Sprache gebracht. Das liegt möglicherweise daran, dass dem Hausarzt oder der Fachärztin aus verständlichen Gründen nicht mehr so viel Zeit bleibt, den Menschen länger zuzuhören.
Ein weiteres Fünftel der Anrufenden wirken auf unsere Mitarbeitenden depressiv.

Bis zu dem Punkt, an dem jemand den Willen ausspricht, nicht mehr weiterleben zu wollen?

Ja. Das ist sogar mit dem Entstehungsmythos der Telefonseelsorge verknüpft, die ja ursprünglich aus England kam. Da hat ein Pfarrer in den 1950er-Jahren eine Anzeige geschaltet, in der so etwas stand wie: Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, dann rufen Sie bitte diese Nummer an.

Wie gehen Sie mit solchen Menschen um?

Wenn jemand anruft, der suizidal ist oder zum Ausdruck bringt, dass er alles hinschmeißen möchte, dann öffnen wir das Gespräch. Wir gehen nicht hin und sagen, das wird schon wieder und denken Sie doch an Ihre Familie und an Ihre Kinder. Das haben die alle schon tausendmal gehört.

Wir versuchen stattdessen, den Raum nicht enger zu machen, sondern ihn zu öffnen. Darüber zu sprechen, warum jemand keine Lust auf das Leben mehr hat. Schon das kann Menschen entlasten, wenn sie nur über diesen Wunsch sprechen können.

Wenn diese Menschen bei der Telefonseelsorge anrufen, dann sind sie ja mit dem Gedanken offensichtlich auch noch nicht fertig. Und das ist ja ein gutes Zeichen.

Was unterscheidet die Telefonseelsorge von anderen Formen der Seelsorge?

Eine Besonderheit ist, dass das Gespräch nicht von Auge zu Auge stattfindet. Das ist im Austausch ja eine deutliche Kanalreduktion, wenn Gestik und Mimik wegfallen. Es bleibt die Stimme, vielleicht noch ein paar Hintergrundgeräusche. Das war´s. Sich auf diesem Wege aufeinander einzulassen, das eröffnet Chancen, aber auch Grenzen.

Welche sind das?

Wir wissen beispielsweise nicht unbedingt, mit wem wir es im Gespräch zu tun haben. Diese Anonymität ermöglicht sehr viel. Die Anruferinnen und Anrufer können sich in einer Weise öffnen, wie sie das vielleicht in einem Face-to-Face-Kontakt nicht tun würden.

Es sichert den Anrufenden auch Autonomie zu. Wenn ihnen das Telefongespräch mit mir nicht mehr gefällt, können sie einfach auflegen. So ein Kontaktabbruch passiert auch immer wieder. In einem Vier-Augen-Gespräch aufzustehen, den Raum zu verlassen und jemanden sitzen zu lassen, ist eine größere Hürde.

Eine alte Frau im Rentenalter steht deprimiert hinter einem Frenster mit leerem Blick.
Die Telefonseelsorge kann als Anlaufstelle für verschiedene Sorgen und Nöte dienen, zum Beispiel Einsamkeit. (Symbolbild) Bild: dpa | Sven Simon/Frank Hoermann

Ist es denn manchmal schwer, Gespräche zum Laufen zu bekommen?

Manchmal geht es stockend, manchmal geht es sofort los. Es gibt auch Menschen, die etwas Mühe haben, das auszusprechen, was sie aussprechen wollen. Sie wissen gar nicht, wo sie anfangen sollen. Und dann heißt es einfach, Geduld zu haben und sich Zeit zu nehmen. Irgendwann fangen sie dann schon an – oder sie rufen später wieder an, wenn sie sich gesammelt haben.

Stoßen auch Ihre ehrenamtlichen Berater manchmal an Grenzen?

Wir gehen natürlich davon aus, dass unsere Seelsorgerinnen und Seelsorger nicht so einen professionellen Vorsprung haben am Telefon, wie ihn beispielsweise Psychologen hätten. Bei uns ist es so, dass die Ehrenamtlichen meist einfach ein bisschen mehr Kraft als die Anrufenden mitbringen. Und diese Kraft stellen sie zur Verfügung.

Es gibt allerdings auch Themen, wo die Telefonseelsorgerin vielleicht sagt: Wissen Sie, ich merke, dass ich über dieses Thema mit Ihnen nicht sprechen kann – vielleicht aufgrund eigener Erfahrungen oder Erlebnisse. Dann bittet sie um Verständnis und darum, später noch einmal anzurufen.

Wird Ihnen auch mal übel mitgespielt?

Ja, es gibt dann und wann Scherzanrufe. Ich persönlich nenne sie aber Gewaltanrufe. Sie ärgern mich sehr. Denn es erzeugt einen ungeheuren Druck, wenn jemand diese Leitung missbraucht. Die Ehrenamtlichen müssen dann entscheiden, was machen wir jetzt? War das eine Inszenierung? Sind wir hier jetzt gerade missbraucht worden?

Und das ist für diejenigen, die hier kostenlos am Telefon sitzen, die ihre Zeit hier verschenken und hergeben und sich den Kummer und die Nöte anderer Menschen anhören, eine schreckliche Situation.

Wie oft hören Sie das Wort "Danke" am Telefon?

Das kommt ganz, ganz häufig vor. Wir haben beispielsweise eine Anruferin, die uns immer mal wieder kontaktiert. Sie fotografiert gerne und schickt uns jedes Jahr zur Weihnachtszeit ein Fotobuch mit Dankesworten.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 17. November 2025, 10:10 Uhr