Otterstedter Fotografin begleitet schwangere Soldatenwitwe aus Ukraine
Glück und Trauer: Fotoprojekt über Samenbank für ukrainische Soldaten
Die Ukrainerin Olga Chernysch ließ sich mit dem Sperma ihres gefallenen Mannes künstlich befruchten. Eine Fotografin aus Otterstedt zeigt ihren Weg zwischen Trauer und Hoffnung.
Olga Chernysch aus der Ukraine hat ein Kind zur Welt gebracht, das seinen Vater nie kennenlernen wird. Denn der biologische Vater, Serchi Chernysch, ist am 17. Mai 2023 an der Front bei Donezk gefallen. Olga erinnert sich genau an den Tag, an dem sie von seinem Tod erfahren hat.
Dann hielt ein Militärfahrzeug. Ein Soldat in Uniform stieg aus und sah mich an. In diesem Moment begann ich zu begreifen, was geschehen war. Aber ich wollte es nicht glauben. Er sah mich an und kam langsam auf mich zu. Ich sagte nur: `Bitte sagen Sie mir, dass er nur verwundet ist. Bitte sagen Sie mir einfach, dass er lebt.´ Sie baten mich, mich hinzusetzen und zu schweigen … Dann reichte er mir die Todesnachricht.
Olga Chernysch
Das Versprechen nach der Hochzeit
Olga und Serchi Chernysch haben sich kurz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine kennengelernt. Nach der Hochzeit versprechen sie sich gegenseitig, ein gemeinsames Kind zu bekommen. Dann beginnt der Krieg.
Angesichts der Gefahr lassen sie vorsorglich Sperma und Eizellen einfrieren – auf Staatskosten. Die ukrainische Regierung hat ein Gesetz erlassen, das Militärangehörigen unter bestimmten Voraussetzungen eine künstliche Befruchtung auch über den Tod hinaus ermöglicht.
Und von dieser Möglichkeit macht Olga Chernysch Gebrauch, sie will das Versprechen einlösen.
Zwischen Trauer und Schwangerschaft
Die Fotojournalistin Tetyana Cheruyavska aus Otterstedt hat Olga mehrfach in der Ukraine besucht. Sie begleitet die Schwangerschaft und dokumentiert den körperlich und emotional belastenden Prozess mit einer Fotoreportage. "Als ich sie kennengelernt habe, war sie glücklich, aber auch traurig. Diese Amplitude, die war sehr stark, von diesem Glück bis zur Trauer", erzählt Cheruyavska.
Als gebürtige Ukrainerin beschäftigt und berührt der Krieg die Fotografin jeden Tag. Immer wieder fährt sie ins Kriegsgebiet, um über Menschen zu berichten, die nicht an der Front stehen.
Es ist für manche Menschen in Deutschland schwer vorstellbar, dass man sich in Bremen einfach in den Bus setzt und 26, 30 Stunden über Polen in die Ukraine fährt. Und man erlebt gleich nach ein paar Stunden in der Ukraine Krieg.
Tetyana Cheruyavska
Ein Land, dem die Menschen ausgehen
Sie fotografiert zerstörte Straßen und Gebäude, bei denen nach einem Drohnenangriff noch Rauch aufsteigt. Menschen, die verzweifelt sind. Menschen, die aufräumen und versuchen, ihren Alltag weiterzuführen. Trotz der alltäglichen Gewalt und Bedrohung sei die Mehrheit der Bevölkerung immer noch fürs Weiterkämpfen, so der Eindruck von Tetyana Cheruyavska. Und gleichzeitig gebe es kaum noch eine Frau, die nicht jemanden im Familien- oder Freundeskreis verloren habe.
Dass die Ukraine für Militärangehörige die teure Reproduktionsmedizin finanziert, hat auch mit der Bevölkerungssituation des Landes zu tun. Die Geburtenraten sind bereits seit den 1990er-Jahren zurückgegangen. Durch den Krieg hat sich die Situation noch einmal verschärft. Die Geburtsraten sind gesunken. Viele Menschen sind aus der Ukraine geflohen, gleichzeitig sterben Soldaten und Zivilisten. Die UN schätzt die Zahl der Todesopfer in der Ukraine auf 167.000.
Anastasia kommt zur Welt
Anastasia kommt am 28. Juli um 13:15 Uhr auf die Welt. Sie wiegt 2340 Gramm und ist gesund. Für Olga Chernysch grenzt das an ein Wunder. Für Tetyana Cheruyavska ist es eine Geschichte, die ihr trotz allem Mut macht.
Dass es eine große Trauer gibt bei diesen Menschen, aber auch eine Hoffnung und vielleicht auch ein Glück, das dann weiter bleibt. Diese Hoffnung hat mich immer motiviert.
Tetyana Cheruyavska
Olga wird ihre Tochter zunächst alleine großziehen müssen. Und irgendwann wird sie ihr erklären, warum ihr Vater schon vor der Schwangerschaft gestorben ist.
Die Tasche mit den verbliebenen Sachen ihres Mannes steht noch immer unausgepackt in einem Zimmer. Das Zimmer nebenan ist inzwischen neu eingerichtet. Hier zieht neues Leben ein.
Quelle: buten un binnen.
Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. September 2026, 19:30 Uhr