Kommentar
Bremen – zwischen Vielfalt und Verunsicherung
Bremen – zwischen Vielfalt und Verunsicherung
Kanzler Merz hat mit seiner Bemerkung über "Probleme im Stadtbild" für viel Aufregung gesorgt. Als Vater und Bremer macht sich Online-Redaktionsleiter Thorsten Reinhold zunehmend Sorgen.
Eines gleich vorweg: Friedrich Merz (CDU) hat mit seiner Aussage zum "Stadtbild" dafür gesorgt, dass darüber gesprochen, heftig diskutiert oder gestritten wird. Auch in meiner Bubble.
Wenn der Kanzler von einem Problem im Stadtbild spricht, dann ist das zunächst seine Beobachtung. Leider sagt er nicht konkret, wen oder was er damit meint. Das lässt Raum für Interpretationen. Was für Merz offenbar ein "Problem" ist, ist für mich erst einmal ein Gewinn: Vielfalt. Vielfältige Gesellschaften sind innovativer und wirtschaftlich leistungsfähiger. Wissenschaftlich bewiesen.
45 Prozent Migrationsanteil
Bremen hat unter den Bundesländern den höchsten Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland – rund 45 Prozent. Bremen ist also vielfältig. Das bringt aber auch Herausforderungen mit sich, die man benennen muss – und nicht länger schönreden sollte.
Es geht im Kern nicht um Herkunft oder Aussehen auf der Straße, sondern um Haltung. Um die Frage, ob Integration wirklich gelingt – oder ob wir uns schleichend an Zustände gewöhnen, die wir früher nicht akzeptiert hätten.
Als Bremer Vater sehe ich unsere Stadt mit wachen Augen – und inzwischen immer häufiger auch mit einem unguten Gefühl.
Mehrere Orte sind Kriminalitätsschwerpunkte
Wer abends am Hauptbahnhof, am Hillmannplatz oder rund um den Ziegenmarkt unterwegs ist, merkt: Die Stimmung hat sich verändert. Diese Orte gelten mittlerweile als Kriminalitätsschwerpunkte. Am Ziegenmarkt ist der Drogenhandel kaum zu übersehen, rund um den Hauptbahnhof ist es der Straßenraub – Täter sind oft junge Männer aus nordafrikanischen Ländern. Die Polizei hat sogar eine eigene Soko "Junge Räuber" eingerichtet. "Das kann man nicht schönreden", sagt Innensenator Ulrich Mäurer (SPD). Diese Fakten sind ein nüchterner Befund.
Merz hat vorgeschlagen, mal die eigenen Töchter zu fragen, um herauszufinden, was er meint. Nicht nötig. Es reicht, die Augen und Ohren offen zu halten. Unsere Tochter geht inzwischen ungern allein ins Viertel. Vor allem die vielen Drogendealer dort machen ihr ein mulmiges Gefühl. Ständig wechselnde Gruppen junger Männer, die an Ecken herumstehen, Deals abwickeln oder Passanten mustern und ansprechen – das prägt die Atmosphäre.
Ausgehen nur noch mit Begleitung?
Vor kurzem wollte sie mit Freundinnen bei einer Geburtstagsfeier – Teenagerinnen im Alter von elf bis fünfzehn Jahren – abends einfach mal in die Innenstadt. Nichts Besonderes: ein Spaziergang. Die Eltern entschieden, sie zu begleiten – mit Abstand, um den Mädchen etwas Freiheit zu lassen. Vor ein paar Jahren hätten wir das wohl anders gemacht.
Heute ist die Verunsicherung größer, auch bei uns Eltern. Leider nicht ohne Grund: Schon nach kurzer Zeit: ständiges Anquatschen, anzügliche Sprüche, Catcalling – von Jüngeren wie Älteren. Und ja, ein Großteil der Männer mit ausländischen Wurzeln. Das darf man sagen, ohne jemanden pauschal zu verurteilen. Es beschreibt schlicht, was passiert. Frauen und Mädchen – zumindest in meinem Umfeld – fühlen sich nicht mehr so wohl.
Vielfalt ja, aber auch Verunsicherung?
Bremen steht exemplarisch für das, was in vielen deutschen Städten passiert: Vielfalt ja – aber auch Verunsicherung. Wer das offen anspricht, spaltet nicht. Er sagt, was ist. Und wer möchte, dass Kinder – egal woher sie kommen – wieder unbeschwert durch die Stadt gehen oder Straßenbahn fahren können, muss über Ordnung, Integration und Grenzen sprechen. Nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung.
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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 21. Oktober 2025, 16:40 Uhr