Interview

"Hatte viel Ehrfurcht": Bremerhavenerin entdeckt Nordsee-Wrack

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Bremerhavener Hobbytaucherin entdeckt Schiffswrack in Nordsee

Wenn Alexandra Pischyna nicht gerade taucht, wohnt und arbeitet sie in Bremerhaven. Bild: Radio Bremen | Rebecca Gleffe
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Eine Taucher-Gruppe hat das Wrack des Kreuzers "HMS Nottingham" aufgespürt – mehr als 100 Jahre nach dem Untergang. Eine der Beteiligten war Alexandra Pischyna aus Bremerhaven.

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Die 37-Jährige gehörte zu der privaten Gruppe internationaler Taucherinnen und Taucher, die nach eigenen Angaben Mitte Juli vor der britischen Küste das Wrack der im Ersten Weltkrieg versenkten "HMS Nottingham" gefunden hatte. Bei buten un binnen berichtet Pischyna, wie die Expedition "Xplore" das Wrack fand und was sie bei dessen Anblick auf dem Meeresgrund fühlte.

Eine Frau sitzt in einem Auto mit Tauchausrüstung.
Alexandra Pischyna kam zufällig zu ihrer Tauch-Leidenschaft. Bild: Radio Bremen | Rebecca Gleffe

Frau Pischyna, was ist die "HMS Nottingham" für ein Schiff?

Die "HMS Nottingham" ist ein leichter Kreuzer der Royal Navy. Das Schiff ist 1913 in Dienst gegangen und hat in vielen bekannten Seeschlachten teilgenommen: der ersten Seeschlacht im Ersten Weltkrieg und der Helgoland-Schlacht, später war es in der Doggerbank-Schlacht vertreten. Und auch in der Skagerrak-Schlacht bei Jütland, die vielleicht viele kennen.

Sie war sehr agil, ist eigentlich immer ohne Beschädigung davongekommen und war in der Skagerrak-Schlacht auch am Untergang der deutschen "SMS Blücher" beteiligt. Eine spannende Geschichte, gerade auch, weil sie von einem deutschen U-Boot zum Untergang gebracht wurde.

Wie ist es der Gruppe gelungen, das Schiff zu lokalisieren?

Wir hatten sieben Leute aus UK (das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland, Anm. d. Red.) dabei, die in Archiven Telegramme durchgewälzt, ganz viel nachgeforscht und von der "HMS Nottingham" Daten gefunden haben, etwa wo die letzten Standpunkte waren. Ein Bekannter hat zudem die deutschen U-Boot-Archive angefragt, hat sich Telegramme und ähnliches zukommen lassen und diese übersetzt, damit wir das mit dem ganzen Team teilen konnten.

Wir konnten dann anhand der Telegramme eingrenzen, dass die Daten von der "HMS Nottingham" nicht ganz übereinstimmen. Wir hatten dann ein großes Seegebiet, das wir abgescannt haben und haben es dann über drei Tage lang abgesucht.

Auf der schwarz-weißen Fotografie ist die "HMS Nottingham" zu sehen.
38 Besatzungsmitglieder starben, als "HMS Nottingham" am 19. August 1916 vom deutschen U-Boot U 52 versenkt wurde. Bild: Imago | United Archives

Was ging in Ihnen vor, als Sie die "HMS Nottingham" entdeckt haben?

Als wir das Schiff entdeckt haben, war zu dem Zeitpunkt noch nicht klar, ob wir am richtigen Wrack sind. Wir hatten nur eine Vermutung: Die Größe könnte ungefähr passen. Wir kamen direkt an einer Deckskanone an. Als wir das erste Meter-Maß da rangehalten haben, dachten wir: 'Die sechs Inch (etwa 15 Zentimeter, Anm. d. Red.), das passt ungefähr, das sieht schon gut aus.' Dann sind wir weiter und haben die Deckskanonen gezählt, vermessen und dokumentiert. Der schönste Moment war dann, als wir am Heck ankamen, wo in bronzenen Lettern "Nottingham" auftauchte. Da war klar: Wir brauchen uns gar nicht mehr so viel mit der Dokumentation beschäftigen. Das Wrack war eindeutig identifiziert in dem Moment.

Das war schon einer meiner emotionalsten Tauchgänge. Ganz, ganz viel Ehrfurcht, die ich da hatte. Man wusste, man ist gerade der Erste, der nach dem Untergang an diesem Wrack ist.

Eine Frau sitzt in einem Auto mit Tauchausrüstung.
Alexandra Pischyna, Taucherin aus Bremerhaven

Es war ein Moment, der schon sehr emotional war. Nach diesen ganzen langen Monaten an Recherche hat man Erfolg und weiß: Wir sind richtig, wir haben es gefunden und ja, wir sind die Ersten, die dort sind.

Tauchen ist Ihr Hobby, was machen Sie sonst?

Ich bin leitende Radiologie-Technologin in Kliniken und arbeite dort ganz normal im Röntgen und CT-Scan. Ebenfalls arbeite ich noch als Dozentin für die Ärztekammer und unterrichte da im Strahlenschutz. Und ja, finanziere mir damit mein Hobby und habe noch zwei Nebenjobs. Man muss es sich irgendwie finanzieren, weil es einfach nicht günstig ist.

Wo kommt die Faszination fürs Tauchen her?

Die hat sich eigentlich durch Zufall ergeben. Ich bin 2019 auf die Malediven geflogen, um abzuschalten, nicht erreichbar zu sein für die Arbeit. Im All-Inclusive war ein Schnuppertauchen, das habe ich gemacht und von da an war es um mich geschehen. Ich habe dann geguckt, wo ich in Deutschland weiter tauchen kann.

Das ist super interessant, gerade für mich als Bremerhavenerin mit den ganzen Schiffen. Ich bin damit aufgewachsen, ich habe schon immer geliebt, im Wasser zu sein, auf Schiffen zu sein. Ich habe da ein großes Interesse dran. Wracks sind einfach super viel Geschichte, das kann man nicht anders beschreiben.

Eine Frau sitzt in einem Auto mit Tauchausrüstung.
Alexandra Pischyna, Taucherin aus Bremerhaven

Gab es beim Tauchen nach der "HMS Nottingham" auch Schwierigkeiten?

Wir hatten viel mit dem Wetter zu kämpfen. Zudem liegt das Wrack 70 Meilen (fast 130 Kilometer, Anm. d. Red.) offshore. Das bedeutet, dass wir erst einmal mehr als 100 Kilometer Strecke machen mussten, um überhaupt an die Stelle zu kommen. Dazu kommen viel Wellengang und die Gezeiten, alles muss geplant werden.

Ein Taucher taucht mit einer Lampe vor einem Wrack.
Der Tauchgang zum Wrack dauerte mehr als drei Stunden. Bild: Steffen Scholz

Wir sind für diesen Tauchgang nachts um halb drei losgefahren, um dann irgendwann um sieben oder acht an der Tauchstelle zu sein, uns fertig zu machen und dann abzutauchen. Der Tauchgang dauert dreieinhalb Stunden, und dann kommt die Rückreise. Das ist sehr, sehr schwierig. Wir hatten leider auch nur einen Tag, wo es Wetter und Wind zugelassen haben, so weit rauszufahren. Deswegen hing alles von diesem einen Tauchgang ab.

Das ist immer ganz viel Magie für mich. In dem Moment, wo ich mehr Klarheit habe und Sachen sehe, Details sehe, vielleicht die Einschusslöcher oder die Explosionslöcher, wird für mich die Geschichte einfach wahr und ich kann sie vor meinen eigenen Augen sehen und erleben.

Eine Frau sitzt in einem Auto mit Tauchausrüstung.
Alexandra Pischyna, Taucherin aus Bremerhaven

Wie geht es jetzt weiter?

Wir haben alles an die Royal Navy weitergegeben und sind mit denen in Rücksprache. Jetzt geht es darum, wie wir verfahren mit der Lokalisation des Wracks, ob wir die Koordinaten weitergeben und ob wir das dann für alle freigeben, damit das Wrack betaucht werden kann. Oder ob wir es möglichst weit schützen können, damit es vor Plünderung und Ähnlichem sicher ist. Es ist einfach noch alles da: Teller, Porzellan, Geschirr, Bullaugen, das wird gerne mitgenommen. Bei Wracks ist es immer sehr, sehr schade, wenn die geplündert werden und für die nächsten Generationen, für die nächsten Taucher einfach nicht mehr so viel da ist.

Ich habe Eierbecher gesehen, ich habe das Teeservice gesehen, man sieht super viel mit den Logos der Royal Navy. Es ist einfach noch alles da, so wie es untergegangen ist.

Eine Frau sitzt in einem Auto mit Tauchausrüstung.
Alexandra Pischyna, Taucherin aus Bremerhaven

Haben Sie schon das nächste Wrack in Aussicht?

Wir haben weitere Pläne, ja. Wir hatten auch in Irland ein Ziel, was aktuell noch nicht erreicht ist – da sind wir natürlich am Ball.

(Das Gespräch führten Nils Braunöhler und Carolin Henkenberens. Aufgeschrieben und redigiert hat es Joschka Schmitt.)

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Bremerhavener Forscher finden "Endurance"-Wrack in der Antarktis

Bild: Radio Bremen
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Autorinnen und Autoren

  • Ein Mann mit Brille und Bart lächelt in die Kamera.
    Nils Braunöhler
  • Carolin Henkenberens
    Carolin Henkenberens Autorin

Quelle: buten un binnen.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 27. Juli 2025, 17 Uhr